Männermode = Frauenmode?

Lässt die Mode die Genderfrage gerade hinter sich?

Es geht nicht mehr darum, boyish oder girlish zu entwerfen, sondern jenseits von Geschlechternormen der Kreativität freien Lauf zu lassen. In der High Fashion findet ein Umbruch statt und das Gefühl kommt auf, dass das Geschlecht verschwindet. Wir glauben klassische Rollenbilder überwunden zu haben und doch befinden wir uns in einer Zeit von #metoo und Gleichberechtigungsdebatten. Immer mehr junge Menschen zeigen Haltung und tragen ihre Meinung nach außen – genau das spiegelt sich in der Kleidung wider.

Wir versuchen nicht zu differenzieren – es soll nicht auf das Geschlecht ankommen, sondern auf den Menschen, der dahinter steckt. Ist es dann überhaupt richtig zu sagen, dass Männermode immer weiblicher wird? Es ist leicht, etwas „feminin“ oder „maskulin“ zu labeln – und genau das sollten wir lassen. Konzentrieren wir uns doch einfach auf die Kleidung ohne den Geschlechterbezug.

Sind Sie trotzdem nicht der Typ für Schluppenblusen? Keine Sorge, das müssen Sie auch nicht sein. Aber was ich hiermit sagen will: Wenige Männer sind dazu bereit, modische Grenzen zu überschreiten. Wenden Sie sich doch mal von der Modenorm und den Stereotypen, was ein Mann tragen sollte und was nicht, ab und überraschen Sie sich selbst und andere. Und wer weiß, vielleicht überzeugt Sie ja die angenehme Brise zwischen den behaarten Beinen beim Rocktragen. Oder Sie bleiben bei der klassischen Jeans. Wir finden beides ok.

 

Ein Rückblick

Seit wann sehen wir etwas überhaupt als „männlich“ oder als „weiblich“ an? Sind das nicht eigentlich nur Begriffe, mit denen wir bestimmte Dinge assoziieren?

Blicken wir zurück in die Modegeschichte. Bis ins späte Mittelalter war im Abendland die Kleidung der Geschlechter sehr ähnlich. Erst durch die Spannungen zwischen Christen- und Heidentum wurde den christlichen Frauen untersagt, Hosen zu tragen. Denn im Orient trugen die Männer Kleidgewänder und die Frauen Hosen.

Über eine lange Zeit galten Männer als das geschmückte und schillernde Geschlecht. Denken Sie doch mal an Ludwig XIV. Der Sonnenkönig trug knielange Rockhosen, weiße Strumpfhosen und rote Schuhe mit Absatz. Klingt wahrscheinlich nicht sehr männlich für Sie, aber das galt damals unter Adeligen als sehr maskulin. Die Herrenmode war mit Samt, Seide, Spitze und Schleifen reich verziert. Erst nach der Französischen Revolution wurde Mode ein Synonym für Weiblichkeit und die männliche Kleidung war seitdem schmucklos, mit dem Anspruch nur noch praktisch zu sein.

Es kam zu der „großen männlichen Entsagung“, wie der Psychoanalytiker John Carl Flügel den Verzicht an Schmuck und Prunk des männlichen Geschlechts bezeichnete. Sinnbildlich hierfür steht der Anzug als Uniform der Herren – nüchtern, praktisch, schlicht. Und heute? Immer mehr Designer sind von der ständig gleichen Funktionalität der Männermode gelangweilt. Die neue Generation zeigt sich flamboyanter und wieder mehr als das geschmückte Geschlecht von früher. Der Kreis schließt sich also.

 

Source: GQ – https://www.gq-magazin.de/mode-stil/modetrends/maennermode-feminin